Schon wieder ein Finanzunternehmen, das auf den zuletzt ertragreichen Kryptowährungen-Zug aufspringt. Doch leider schon wieder eines, das in punkto Glaubwürdigkeit Fragen aufwirft: Von der Optik bis zur Informationstransparenz werden keine Standards geboten, die einen besonnenen Anleger überzeugen.

Seit Anfang des Jahres können österreichische Arbeitnehmer bei dem Verein AUKÖ mit Sitz in Wien und Büro in Graz einen Pensionsvorsorgebrief abschließen, der ausschließlich auf die Wertentwicklung von Bitcoin setzt. Seit einigen Tagen wird als zusätzliche Möglichkeit auch die Digitalwährung Ethereum angeboten.

Seit Jahren im Clinch mit der FMA
Die Krypto-Schiene hat einen handfesten regulatorischen Grund: Vereinsvorstand Richard Büttgen kommt seit Jahren mit seinem Pensionsvorsorgemodell bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) nicht durch. Es handelt sich dabei um eine Unterstützungskasse, bei der die Einzahler keinen Rechtsanspruch auf Leistungen haben. Nun will er sich der Kontrolle entledigen. „Es war die Intention, dass wir uns der FMA entziehen. Ich stehe dazu. Die FMA argumentiert, dass wir im Effektengeschäft tätig sind, nur um uns zu verbieten. In Deutschland gibt es fünftausend Hilfs- und Unterstützungskassen ohne Rechtsanspruch, dort funktioniert das System hervorragend. In Österreich hat sich das Thema nicht durchgesetzt, obwohl diese Form der Kassen gesetzlich verankert sind“, klagt Büttgen gegenüber FONDS professionell ONLINE.

Die FMA hat bereits 2014 dem Vorgängerverein Erste Allgemeine Arbeitnehmer Kranken- und Unterstützungskasse (AK-UK) den Pensionsbrief untersagt, wo das Geld der Vereinsmitglieder in Investmentfonds veranlagt hätte werden sollen. Als Begründung wurde angeführt, dass die AK-UK keine Gelder als Einlage entgegennehmen darf, weil dies unter die konzessionspflichtigen Bankgeschäfte fällt. Büttgen ist bisher mit sämtlichen Beschwerden vor Bundesverwaltungsgericht bis Verfassungsgerichtshof gescheitert. AK-UK und andere Vorgängervereine der heutigen AUKÖ bestehen parallel weiter. Man versuche, mit den Neugründungen das Geschäft am Laufen zu halten, während die Gerichtsverfahren anhängig sind: „Es gibt eine Reihe von Verfahren, wir haben aktuell auch ein Beschwerdeverfahren beim Verfassungsgerichtshof laufen. Wir werden jede Entscheidung gegen uns bekämpfen“, sagt Büttgen.

Pension mit Kryptowährungen
In der Zwischenzeit versucht man es über Kryptowährungen, die weitgehend außerhalb der staatlichen Kontrolle laufen: Im Rahmen der Zukunftssicherung nach § 3 Abs. 1 Z 15 lit. a EStG kann man in Österreich bis zu 300 Euro jährlich (25 Euro monatlich) in Vorsorgelösungen wie Pensions-, Unfall- oder Krankenversicherung steuerbegünstigt anlegen. Auf diese Möglichkeit bezieht sich der Vorsorgebrief der AUKÖ. Ob dies mit Bitcoin oder Ethereum geschehen darf, überprüft die FMA gerade, wie FONDS professionell ONLINE erfuhr.

Da die FMA nicht direkt zuständig ist, könnte sie aber allenfalls eine Anzeige einbringen, jedoch selbst keinen Bescheid erlassen. Die Situation aus Sicht der Aufsicht: Das Kassenmodell ist grundsätzlich gesetzlich gedeckt, aber bei einer Behörde, die für Anlegerschutz zuständig ist, müssen die Alarmglocken läuten, wenn sie auf die vorgegebenen Details blickt.

Info nur bei Nachfrage
Die Funktionsweise des Pensionsbriefes bei der AUKÖ: Der Anwärter zahlt sein Geld auf ein gewöhnliches Easybankkonto (kein Treuhandkonto) ein, dort wird es über den Digitalwährungshändler Coinfinity in Bitcoin oder Ethereum veranlagt. Wie dieser Prozess vonstatten geht, erfährt man aber – wie so viele Dinge – nicht auf der Homepage oder in der Beitrittserklärung, sondern nur auf Nachfrage.

Bei der AUKÖ handelt sich um eine Unterstützungskasse, die – im Unterschied zu einer Pensionskasse oder Versicherung – auf ihre Leistungen keinen Rechtsanspruch gewährt. Die Versicherungsaufsicht ist damit von vornherein nicht zuständig. Solche Versorgungseinrichtungen sind im Gesetz zum Beispiel verankert in §15 Betriebspensionsgesetz, §6 Körperschaftsteuergesetz oder §4 und §26 Einkommensteuergesetz.

Anleger spielen „Wetten, dass…?“
Wie viel der einzelne Anleger ausbezahlt bekommt, dafür gibt es also keinen Anspruch. Es hänge rein von der Entwicklung des Kurses von Bitcoin oder Ethereum (je nachdem, wofür er sich anfangs entschieden hat) ab, sagt Büttgen. In der Beitrittserklärung wird zwar vorgerechnet, mit einem Beitrag von 25 Euro gebe es bei Pensionsantritt eine Leistung von 500 Euro (man kann eine Auszahlung seines Betrages wählen oder eine lebenslange Rente). Doch wenn der Bitcoin- oder Ethereum-Kurs fallen oder die Risikogemeinschaft klein bleibt, oder wenn die Mitglieder bei drohendem Kursverlust unter der Laufzeit ihr Kapital abziehen, ist fraglich, wie weit eine lebenslange Rente gedeckt ist.

Derzeit hat die AUKÖ laut Büttgen nur 570 Mitglieder insgesamt. Da sind aber auch schon die Mitglieder der beiden anderen Leistung-Briefe beinhaltet: Die AUKÖ bietet noch einen Krankenvorsorgebrief und einen Arbeitnehmerschutzbrief an, die ohne Kryptowährungen auskommen. In der Pensionsvorsorge macht das Kassenvermögen derzeit 80 Bitcoin aus (172.560 Euro), erfährt man.

„Makler mit glänzenden Augen“
Man arbeite für den Vertrieb der Ethereum- und Bitcoin-Pensionsvorsorge auch mit Maklern zusammen, sagt Büttgen. „Provision dürfen wir nicht bezahlen, aber es gibt eine Aufwandsentschädigung. Diese entspricht dem halben Jahresbeitrag einer Person auf vier Jahre verteilt“. „Es ist nicht schwierig, die Makler von Kryptowährungen zu überzeugen. Die Kurssteigerungen bringen Glanz in deren Augen. Das wird die gesetzliche Betriebsvorsorge auf den Kopf stellen. Die Wertsteigerungen von Bitcoin sind noch lang nicht zu Ende“, so Büttgen.

Die Art, wie solche Überzeugungen transportiert werden, ist eine der vielen Fragwürdigkeiten der AUKÖ: Auf der Homepage wird das Investment in Kryptowährungen als Heils-Lösung angepriesen. „Unser Pensionsvorsorgebrief bezweckt die Altersvorsorge für ArbeitnehmerInnen in Österreich“, heißt es vorneweg. Auf der Nachrichtenseite wird ordentlich auf die Tube gedrückt: Ausschließlich Negativmeldungen: Stress, Kündigung, Geld reicht nicht. Die positiven News kommen allein von der Bitcoinfront, mit fantastischen Wachstumsprognosen. Das ganze gipfelt darin, dass die AUKÖ die – anscheinend unvermeidliche – Bitcoin/Ethereum-Kurssteigerung mit einer Grafik der J.C.Maxwell /L.Boltzmann-Verteilung belegt, die in der Physik ihre Berechtigung hat: Eine für den Durchschnittsmathematiker nicht nachvollziehbare Darstellung zeigt angeblich, dass sich die Kursentwicklung von Ethereum in den kommenden Jahren verzigfacht.

Doch keine Pensionsvorsorge – eher Tennisverein?
Dass man hier eine hochspekulative Digitalwährung als veritable Pensionsvorsorge anpreist, sieht Büttgen nicht gegeben. Entgegen dem Wortlaut auf der Homepage sagt er: „Ein so geringer Betrag kann ohnehin keine echte Pensionsvorsorge sein“. Außerdem könne man 25 Euro unter Ausnutzung des Steueraspektes spekulativ veranlagen, ohne, dass eine Existenz vernichtet wird, wenn der Kurs fällt.

Dieser lockere Zugang setzt sich auch bei der Informationspolitik fort. So bald man diesbezüglich einen Mangel moniert, wird darauf verwiesen, dass man eben nicht dem Versicherungsgesetz unterliegt und an gewisse Regeln nicht gebunden ist. Ein Beispiel: Nirgends geht hervor, wie viel Provision ein Mitglied bezahlt, oder wie die Vereinsmitarbeiter bezahlt werden. „Ja, da haben Sie recht, das sieht man nicht, aber wir sind eben ein Verein. Wenn die Leute es wissen wollen, wie viel die Provision ausmacht, können sie nachfragen. Das ist, wie wenn ich mich in einen Tennisverein einschreibe, da habe ich auch keinen gesetzlichen Anspruch auf solche Infos“, sagt Büttgen.

Wir erfahren: Es sind fünf Prozent der Prämie, die einem Mitglied abgezogen werden. Das wären immerhin 15 Euro im Jahr, wenn man eine Monatsprämie von 25 Euro zugrunde legt. Darin enthalten seien 1,5 Prozent Gebühr für den Händler Coinfinity, heißt es.

Suggestion und Auftritt
Ein Widerspruch drängt sich dem Beobachter auf:  auf der einen Seite wird mit suggestiven Elementen versucht, gezielt Vertrauen zu erwirken. Zum Beispiel gibt die AUKÖ als Adresshinweis an: „Nähe Arbeiterkammer“. Und es tauchen Termini aus dem Versicherungswesen auf, die so nicht erfüllt werden. Etwa die Veranlagungs- und Risikogemeinschaften (VRGs) (in diesem Fall Ethereum- oder Bitcoin-Mitglieder). Eigentlich müsste nach dem Pensionskassengesetz eine einzelne VRG mindestens tausend Mitglieder haben, was hier nicht zutrifft. Auf der anderen Seite lässt allein die Bebilderung der Hompage – eine Mischung aus Laienhaftigkeit und Suggestion (drohende Soziale Gefahren) – den nach Seriosität suchenden Vorsorger stutzig werden.

Auch herkömmliche Pensionsversicherungen seien teuer und zudem intransparent und häufig ein Verlustgeschäft für den Anwärter, argumentiert Büttgen: „Wir garantieren nichts, keine Pension, keine Zinsen. Aber das Modell funktioniert in anderen Ländern. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass es einen gesetzlich garantierten Anspruch gibt“.  (eml)

Der Artikel wurde am 01.06.2017 um 14:50 Uhr aktualisiert.