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Bitcoin-Start-up TenX: 80 Millionen in sieben Minuten

 

 

 

 

 

 


Quelle: diepresse
Wien/Singapur. Ein neuer Tag, ein neuer Höchststand: Die Kryptowährung Bitcoin ist am Freitag über die Marken von 3500 Dollar und 3000 Euro geklettert. Nach Jahren in der Obskurität ist das virtuelle Geld inzwischen Dauergast in den Studios der Finanzsender. Die Wall Street ist aufmerksam geworden. Aber ein großer Teil der Bitcoins und anderer Kryptowährungen wie Ether, Litecoin oder Dash ist in Besitz der Early Adopter, die sie billig gekauft haben.

Mit jedem neuen Allzeithoch wächst deren theoretische Kaufkraft. Einzig: So richtig abgehoben haben Bitcoin und Co. als Zahlungsmittel noch nicht. Zwar lässt sich damit rasch Geld um die Welt schicken, und die Technologie erlaubt Menschen den Zugang zu Geldgeschäften, die noch nie in einer Bank waren. Aber der eigentliche Akt des Bezahlens ist tatsächlich mühsamer als mit Bargeld oder Kreditkarte.

 

Ganz normale Kreditkarte

Julian Hosp will das ändern. Der gebürtige Tiroler hat gemeinsam mit Toby Hoenisch, Michael Sperk (ebenfalls Österreicher) und dem Thai Paul Kitti in Singapur die Firma TenX ins Leben gerufen. „Unser Ziel? Wir machen Kryptowährungen ausgebbar“, sagt Hosp im Skype-Interview mit der „Presse“.

Die Idee ist simpel: TenX will das nächste PayPal sein. Kunden brauchen nur die App. Bisher gibt es sie nur auf Android, aber iOS soll bald folgen. Wer sich anmeldet, bekommt eine Kreditkarte zugeschickt. Eine ganz normale Visa oder Mastercard – je nachdem, mit wem TenX in dem betreffenden Land kooperiert. Auf die App kann man dann Bitcoin und andere Kryptowährungen laden – und einstellen, worauf die Karte zugreifen soll. Der Rest ist bekannt: Rein ins Geschäft, raus mit der Karte, fertig.

TenX hat den Mitarbeiterstand binnen sechs Wochen von zehn auf 20 verdoppelt. Möglich gemacht hat das eine beeindruckende Finanzierungsrunde. Auch das ist die Welt der Kryptowährungen: Die Ideedes Crowdfundings hat ein gewaltiges Update erhalten. TenX hat einen Token auf der Plattform von Ethereum aufgesetzt, von dem es insgesamt 100 Millionen Stück gibt. Diese konnten Unterstützer des Projekts erwerben, indem sie Ether an TenX geschickt haben.

Nach sieben Minuten war alles vorbei – denn Hosp und Kollegen wollten nicht mehr als „nur“ 80 Millionen Dollar einnehmen, und das ging rascher als gedacht. Zusammen mit der bereits zuvor erfolgten Anschubfinanzierung durch Angel-Investoren soll dieses Geld den Betrieb der Firma für die kommenden Jahre sichern. Der Token mit dem Ticker PAY ist zudem inzwischen an mehreren Börsen erhältlich – und erfreut sich dort großer Beliebtheit. In den vergangenen vier Wochen ist er um lockere 255 Prozent im Wert gestiegen und kostete zuletzt knapp drei Euro.

Aber erreicht ist damit noch nicht viel. Neben TenX kämpfen mindestens vier andere um den vielversprechenden Markt für Krypto-Kreditkarten. Und der ganze Sektor ist immer noch sehr klein: „Wir schätzen, dass weltweit rund fünf Millionen Menschen Kryptowährungen besitzen“, sagt Hosp. Wie viele davon bereits Kunden bei TenX sind, will er nicht verraten. „Es sind einige Tausend. Dazu kommen noch einige Tausend auf der Warteliste. Wir schicken pro Tag etwa 50 bis 70 Karten aus. Ab 2018 wollen wir dann Vollgas in die Kundenakquise.“

Tatsächlich dürfte das österreichische Team aus Singapur einen Startvorteil haben. Zwar gibt es schon Konkurrenten mit einem ähnlichen Produkt, aber bei TenX soll es sehr bald möglich sein, viel mehr Kryptowährungen auszugeben als nur Bitcoin – inklusive aller Ethereum-Token wie etwa PAY.

In der bis heute eher obskuren Krypto-Welt ist die Offenheit des Teams ein zusätzlicher Faktor. Hosp gehört zu den wenigen sehr aktiven deutschsprachigen YouTubern, die sich mit Bitcoin und Co. auseinandersetzen.

Der Tiroler war jahrelang professioneller Kitesurfer und hat in Innsbruck Medizin studiert. „Ein Patient hat mir schon 2011 von Bitcoin erzählt. Aber das ist nicht hängen geblieben“, sagt Hosp. Erst nach der Sportlerkarriere ist er auf einer Reise in Asien zufällig mit dem Tiroler Toby Hoenisch zusammengetroffen. „Er hat dann auch von Bitcoin geredet – und sich beschwert, dass man es so schwer ausgeben kann. So ist die Idee entstanden“, sagt Hosp.

„Österreich nicht interessant“

In Singapur ist man gelandet, weil dort die finanziellen und regulatorischen Rahmenbedingungen für Bitcoin- und Blockchain-Firmen besonders gut sind. Und weil Singapur den Start-ups üppig Geld zur Verfügung stellt, wenn sie sich dort ansiedeln.

„Über Österreich haben wir natürlich viel nachgedacht. Ich würde mich total freuen, wenn wir dort arbeiten könnten. Aber derzeit ist es nicht interessant. Allein dass es noch immer Banken gibt, die dir ein Konto sperren, nur weil du Geld an eine völlig legale Bitcoin-Börse schickst, zeigt das schon. Wie sollen wir als Firma da arbeiten?“, fragt Hosp. „Aber ich bin optimistisch. Und es tut sich auch viel. Inzwischen kann man Bitcoin bei der Post kaufen. Das ist großartig.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.08.2017)