Herr Mu zockt mit

 

 

 

Asien erlebt einen Bitcoin-Boom. Doch der Preis der digitalen Internetwährung könnte jederzeit einbrechen.

 

 

Besonders extrem war die Situation in Asien. In Südkorea wurde der Bitcoin zeitweise um die Hälfte teurer gehandelt als an amerikanischen oder europäischen Börsen. Denn Bitcoins können zwar kostenlos und schnell von einem digitalen Portemonnaie zum anderen transferiert werden, aber in die Landeswährung getauscht werden können sie meist nur vor Ort. Die Preisunterschiede zeigen, wie sehr die virtuelle Währung Asiens Investoren elektrisiert.

 

Dahinter steckt nicht nur Zockerei. Gerade in Asien bedient der Bitcoin wichtige Bedürfnisse der Investoren. Die virtuelle Währung geht zurück auf einen Artikel, den ein gewisser Satoshi Nakamoto 2008 veröffentlichte.

„Wir brauchen ein elektronisches Bezahlsystem, das auf Kryptografie statt auf dem Vertrauen in Institutionen beruht“, schrieb er darin. Nicht Banken oder Behörden sollen Zahlungen kontrollieren, sondern das Computernetzwerk ihrer Besitzer.

Bitcoin-Eigentümer verwalten ihr Geld in digitalen Geldbörsen, und damit sich niemand Geld gutschreiben kann, das er nicht hat, wird jede Transaktion bei jedem Nutzer parallel in eine Liste eingetragen, die sogenannte Blockchain. Die Minen kümmern sich darum, die Transaktionen richtig zu verbuchen, und werden dafür mit neuen Bitcoin belohnt.

 

Wer hinter dem Namen Nakamoto wirklich steckt, ist umstritten. Doch sein ausgeklügeltes System fand in der Hacker- und Nerd-Szene viel Anklang. Dass der Bitcoin heute weit darüber hinaus für Furore sorgt, hat viel mit Unternehmern wie Eric Mu zu tun. Mu ist kein Computerfreak, er hat weder Informatik studiert, noch kann er programmieren. Seinen ersten Bitcoin kaufte er aus Neugier, nachdem er

darüber gelesen hatte. Aber schneller als andere erkannten chinesische Unternehmer wie Mu, dass das virtuelle Geld realen Reichtum erzeugen kann.

 

Das liegt auch daran, dass die Menge der Bitcoins auf 21 Millionen Stück begrenzt ist. „Chinesen investieren traditionell am liebsten in knappe Güter wie Gold“, erklärt Sam Lee, Gründer des australisch-chinesischen Beratungsunternehmens Blockchain Global. China ist so zu einem der Zentren der globalen Bitcoin-Industrie geworden, auch weil Chinesen in der staatlich dominierten Wirtschaft wenig Möglichkeiten haben, Geld anzulegen.

 

Zudem können sie Geld kaum legal ins Ausland schaffen. Bitcoins dagegen sind anonym und weltweit verfügbar. Chinas Investoren befeuerten so in den vergangenen Jahren einen internationalen Boom. Im Januar liefen laut Berichten bis zu 98 Prozent der Bitcoin-Transaktionen über chinesische Bitcoin-Börsen. Doch als sich der Bitcoin-Kurs erstmals dem Goldpreis näherte, schritt Chinas Zentralbank ein und verbot den Börsen, Bitcoins zu transferieren. Das Geld der Nutzer war damit praktisch eingefroren. Weltweit verlor der Bitcoin ein Fünftel seines Werts.

 

Doch die Flaute war nur von kurzer Dauer. Die Kontrolle der Handelsplätze bewirkte, dass die chinesischen Investoren auf Internetforen und informelle Tauschbörsen auswichen. Die große Spekulation erfasste die Nachbarländer Südkorea und Japan; Japan hat den Bitcoin sogar zur Währung erklärt.

Dass hinter der Kursexplosion eine Spekulationsblase steht, bezweifeln nur wenige. Der Bitcoin-Unternehmer Neil Woodfine ist sogar überzeugt, dass die Blase künstlich aufgepumpt wird. Woodfine ist Brite, aber der Bitcoin-Boom hat ihn nach China gelockt.

 

Vor zwei Jahren machte er sich dort mit einem Start-up selbstständig, das mit Bitcoin Zahlungen nach China vereinfacht. Er ist überzeugt, dass asiatische Bitcoin-Börsen Tradebots aufgesetzt haben – Programme, die immer wieder dieselben Bitcoins hin und her handeln. Das kostet nichts und bringt auch keine Gewinne, es simuliert aber Umsätze und lässt Anleger glauben, sie müssten nun auch in das wachsende Geschäft einsteigen. Ein digitaler Bluff.

 

Und ein gefährlicher Bluff. Zweimal hat der Bitcoin schon Kursexplosionen erlebt, beide Male folgte ein Crash. Sollte es wieder dazu kommen, würde das nicht nur die Nerds, Hacker und Zocker treffen, sondern auch all jene Anleger, die sich von ihnen haben anstecken lassen.

Nur Eric Mu würde es wenig ausmachen. Seine Bitcoin-Mine rechnet sich auch bei niedrigeren Kursen – den Strom bekommt er von einem nahe gelegenen Wasserkraftwerk zum Sonderpreis. Und eine Klimaanlage kann er sich auch sparen, weit oben in den Bergen von Sichuan.